Saturday, June 9, 2012

Wenn ich zurück in Deutschland bin, muss ich mich erstmal wieder daran gewöhnen, dass

          ·        ich nicht eine der ersten beim Treffen bin, wenn ich eine halbe Stunde zu spät komme

·         nicht gleich ein Hupkonzert startet, wenn der erste vor der Grünen Ampel eine Sekunde zögert

·         man nicht angsterfüllt die Straße überquert, weil, wenn man über die Straße geht, die Autos nun nicht mehr kräftig auf Hupe und Gas drücken, sondern stattdessen die Bremse wählen

·         wahrscheinlich ein Fehler bei dem Auto vorliegt, wenn aus dem Auspuff pechschwarze Wolken aufsteigen

·         man sich im Auto anschnallt und die Schilder der Geschwindigkeitsbegrenzung nicht nur Zierde sind

·         das Wasser aus dem Hahn trinkbar ist, und aus dem Duschkopf angenehm warmes/heißes Wasser kommt

·         es überhaupt immer Wasser gibt, und man somit nicht immer einen gefüllten Eimer in der Dusche stehen haben muss (sich der Eimerdusche zu entwöhnen wird nicht schwer werden!)

·         Candlelight nicht ungeplant stattfinden

·         man das Klopapier statt in den Mülleimer in die Toilettenschüssel wirft

·         man sich das Arzt-Rezept nicht mehr selbst schreiben kann

·         man „mal eben“ zum Arzt geht, „mal eben“ ein MRT und CT macht

·         die Milch aus der Tüte kommt und nicht erst mit Wasser vedünnt werden muss

·         man Autoalarmanlagen ernst nehmen sollte

·         ich mehr als zwei Outfits in der Woche einplane

·         die Türsteher, der Barkeeper und der DJ meiner Stammdisko nicht mehr meine besten Freunde sind, und ich somit nicht mehr einfach mal alleine in die Disko gehen kann, wenn kein anderer Lust hat

·         Reis nicht immer eine Beilage sein muss

·         es bei Früchten nicht mehr Pflicht ist, sie zu schälen

·         nur so viele Personen in ein Auto passen, wie es Sitzplätze hat (Rekord: 16 Personen in einem 5-Sitzer)

·         ich alle verstehe (kein Quechua mehr) und mich alle verstehen (das „Analysieren“ von Menschen sollte auf ein Flüstern reduziert werden)

·         ich nicht davon ausgehen kann, dass man mich auch versteht, wenn ich ein Deutsch-Spanisch-Gemisch rede

·         die Leute in Deutschland nicht so handlungs- und diskussionsfreudig sind (bei jedem Einkauf und bei jeder Taxifahrt wird immer mindestens um 50 Centimus (17,5 Cent) runtergehandelt)

·         man beim Taxi schon eine Anfahrtsgebühr von 4 Euro zahlt, während ich sonst für einen Euro im Taxi nach Hause gefahren bin

·         Polizisten nicht auch an Ampeln stehen, die funktionieren, damit die Autofahrer sofort bei Grün losfahren

·         man zu Fuß nicht mehr alle Leute überholt, sondern im Gleichschritt mit den anderen ist

·         man nicht egal wo man ist mindestens einen Hund in seinem Blickfeld hat, und wenn, dann ist er angeleihnt

·         Frauen ihre Kinder in Kinderwagen transportieren und nicht mit einem Tuch auf ihren Rücken binden

·         man die Mütter nicht in jeder Lebenslage ihre Kinder stillen sieht

·         es keine äußerste Seltenheit mehr ist, eine Frau autofahren zu sehen

·         sich nicht um jeder Ecke ein kleiner Kiosk befindet, der einen mit Leckereien versorgt

·         man nicht andauernd irgendwelche Paraden oder Jungfrauenfeste zu sehen bekommt

·         die Sonnencreme nicht mehr die Tagescreme sein muss

·         zur Begrüßung lediglich die Hand geschüttelt oder sich umarmt wird, nicht jedoch ein Küsschen auf die Wange dazu gehört

·         man nicht jederzeit in einen Bus, Combi oder ein Taxi steigen kann, um an sein gewünschtes Ziel zu gelangen

·         der Fahrplan öffentlicher Verkehrsmittel Gesetz ist: ich muss mich daran halten, oder ich kann nicht mitfahren und das Verkehrsmittel muss sich daran halten oder man hört sich das Gemecker von Leuten an

·         ich nicht erst ein Streichholz finden muss, bevor ich den Herd oder Ofen anmachen kann

·         Stiche/Bisse auf der Haut nicht gleich ein Indikator für eine weitere Floplage sein müssen

·         ich keine Winterjacke mitnehmen muss, wenn ich das Haus im T-shirt verlasse

·         Polizisten Authoritätspersonen sind, und einem nicht mehr gelegentlich hinterpfeifen

·         fremde Personen nicht mehr mit „amigo/a, hermano/a, mamá/papá, mamita, usw“ (dt: Freund/in, Bruder/Schwester, Mama, Papa, Mamachen) angesprochen werden

·         alles penibel blitz blank und geordnet ist

·         die Leute alle weiß sind

·         der Spiegel auf einer Höhe angebracht ist, die mich nicht nur meine Brust sondern mein Gesicht sehen lässt

·         man nicht mehr ohne sich darüber Gedanken zu machen overdressed, underdressed oder ähnliches aus dem Haus geht, frei nach dem Motto „Wir fallen eh auf, ist doch egal obs negativ ist“

·         die Frage „wie geht’s?“ keine Höflichkeitsfloskel ist, die schlicht mit „gut“ beantwortet wird, sondern man eine ehrliche Antwort kriegt

·         „Durchfall“ kein Alltagsthema ist, das am Essenstisch durchgesprochen wird

·         Ideen, Abmachungen und Pläne nicht nur wegen des Unterhaltungsstoffs dahergesagt werden

·        es als merkwürdig gilt, Pflanzenblüten oder Stängel (besondere Delikatesse hier: Maisstängel) zu essen

Saturday, June 2, 2012

Friday, June 1, 2012

Eine Woche des Abschieds

Letzte Woche Freitag war es soweit: „unsere“ Abschiedsparty stand an. Hierbei setze ich das „unsere“ in Anführungsstriche, da es zwar der letzte Tag für Laura, Franz, Julian und Johanna war, Anne und ich aber ab dem Zeitpunkt noch weitere vier Wochen in dem Projekt vor uns hatten. Wir werden jedoch für uns alleine keine zweite Abschiedsfeier veranstalten.
Für jenes Fest hatten wir schon lange im Voraus geplant. Die Geschenke für die Kinder, für Pavela, die Schwester, Juana und deren Kinder standen schon zwei Wochen vorher bereit, da man hier ja nie so genau weiß, ob die vereinbarten Zeiten bei den Peruanern eingehalten werden, oder doch irgendetwas dazwischen kommt. Wir hatten uns nämlich überlegt bedruckte T-shirts zu verschenken. Auf dem gelben Grund der T-shirts konnte man letztendlich in roter Schrift Folgendes lesen: „Gracias por un a
ño maravilloso. Nunca los olvidaremos. Voluntarios 2011-2012 (in jeweiliger Unterschrift:) Laura, Johanna, Franz, Julian, Verena“ (dt.: Danke für ein wundervolles Jahr. Wir werden euch nie vergessen! Freiwillige 2011-2012).
Außerdem haben wir an jeden ein Foto von uns sechs verschenkt, und drei Collagen mit Bildern des ganzen Jahres zusammengestellt, sowie ein köstliches deutsches Abendessen zubereitet. Bratkartoffeln, Frikadellen und Salat standen auf dem Speiseplan. An dem Donnerstag vorher haben Laura, Johanna, Anne und ich uns die Hände an den unzähligen Kartoffeln wund geschält, während Julian und Franz mit den Schwester und einigen Kindern (jeden Dienstag und Donnerstag werden die Kinder nun in Etapen zum Zahnarzt nach Cusco gefahren) nach Cusco gefahren sind, um sowohl die T-shirts aus unserem Cusco-Zuhause abzuholen, als auch das Hackfleisch und die Süßigkeiten für die Feier am Nachmittag einzukaufen.
Freitagvormittag begann dann die Massenproduktion an Essen und das Schmücken der Albergue. Wir hatten bis zum Schluss alle Hände voll zu tun, das Essen für ca. 100 Personen herzurichten. So sind die Schwestern schon angefangen den Tag ihrer Ordensgründerin, der auf eben diesen Freitag fiel, zu feiern, während wir noch in der Küche beschäftigt waren. Am späten Nachmittag legten wir nun mit unseren geplanten Spielen wie Kartoffel- und Dreibeinlauf, Tauziehen usw los. Zudem haben einige Jugendliche einen modernen Tanz vorgeführt und ein Mädchen hat ein für uns selbstgeschriebenes Lied gesungen. Die Feier war vollkommen gelungen. Das Essen wurde nach den ersten skeptischen Blicken nur so verschlungen, und nach der Geschenkeübergabe, viel Geweine bei den Reden von uns an die Kinder und von einigen Kindern an uns, wurde noch einmal Musik aufgelegt und die Tränen weggetanzt.

An dem folgenden Wochenende lud Pavela uns am Samstag zu einem Abschieds-abendessen ein, später abends waren Julian und ich bei Freunden nach Hause eingeladen, anschließend gingen wir ein letztes Mal gemeinsam in unsere Stammdiskothek, und für den Sonntag hatten die Gastfamilie von Franz und Julian zusammen mit der Gastfamilie von Laura, Johanna und mir ein gemütliches Grillen im Garten vorbereitet.
Als ich mich dann am Montagfrüh wieder auf den Weg nach Quiquijana gemacht habe, blieben Julian, Franz, Laura und Johanna in Cusco, unzwar bis Donnerstagvormittag, bis sie ihre Rückreise nach Deutschland starteten.

In dem Moment, in dem ich diesen Blogeintrag verfasse, ist es gerade kurz nach 15 Uhr an jenem Donnerstag. Alle Leute der Albergue und der Chacra verfolgen in Gedanken ihren Heimweg, traurig, dass sie endgültig weg sind, und wünschend, dass sie heile ihr Ziel erreichen.
Es ist viel ruhiger ohne sie in der Albergue und ich bin dankbar für die schöne Zeit, die wir zusammen verbracht haben.
Ich kann mir jedoch immer noch nicht vorstellen, dass ich ihnen bald nach Deutschland folgen werde, da ich zur Zeit zu glücklich bin, dass ich noch weitere Wochen bei den Kindern sein darf. Mein eigener Abschied von ihnen und allgemein von dem peruanischen Leben wird mir voraussichtlich alles andere als leicht fallen.

Aller liebste Grüße,
Verena

Friday, May 18, 2012

Erst streikt die Schule, dann feiert sie

Die meiste Zeit der letzten Wochen war relativ ereignislos, weshalb ich nicht die Gründe und die Motivation hatte einen Blogeintrag zu verfassen.
Ende April/Anfang Mai haben die Lehrer gestreikt. Es waren kaum Kinder in der Albergue und es war schon ziemlich langweilig. Am Anfang haben wir gehofft, dass jeden Moment die Schule wieder beginnt. Also haben wir mit den Kinder, wie üblich wenn man freie Tage hat, die Zeit viel auf dem Spielplatz oder auch in dem Computerraum verbracht. Doch nachdem dieser auf unbefristet ausgelegte Streik schon 1 ½ Woche andauerte, überlegten wir uns konkretere Beschäftigungen für die Kinder. Das Prinzip, wie es ablaufen sollte, haben wir letztendlich jedoch nur an einem Tag durchgezogen. An jenem Montag unterrichtete Pavela zunächst die Primarier, währendessen wir mit den Secundariern Kopien mit mathematischen Denkaufgaben erledigten. Nach einer Stunde wurde getauscht, so dass Pavela sich mit den Secundariern beschäftigte, und wir für die Primarier eine coole Abwechslung dabei hatten: Masken basteln! Klar, dass den Kleinen das sehr gefallen hat. Nachdem alle konzentriert ihr Maske gestaltet hatten, liefen gefährliche Teufel, alberne Clowns, sowie wunderschöne Prinzessinnen und Sternchen durch die Albergue.
Am Dienstag ist dann unerwarteter Weise die Schule wieder angefangen, und die Kinder, die am Montag zurück nach oben in ihr Dorf gegangen waren, mussten nun wieder hinunterlaufen. Erst am Mittwoch waren wir letztendlich wieder komplett, da einige natürlich nicht sofort die Nachricht des wieder aufgenommenen Unterrichts bekommen hatten.
Bis jetzt gingen die Kinder also wieder normal zur Schule, auch wenn andauernd Gerüchte über den Schulausfall aufkommen.

An dem letzten Sonntag wurde auch hier Muttertag (el día de la madre) gefeiert. Eher gesagt, hier ist das Fest so groß, dass manche schon am Freitag mit dem Fest beginnen, und auch montags noch Feiern anstehen. Am Sonntag haben Laura, Johanna und ich den Muttertag mit unserer peruanischen Mutter Carmen verbracht. Wir saßen mit einigen Verwandten und Freunden bei der Mutter von Carmen, also Abuela Carmen, bei der wir letztens auf dem 80. Geburtstag waren, zum Mittagessen und haben ein traditionelles Lechón (Spanferkel) gegessen. Wirklich sehr lecker, und so reichhaltig, dass der Nachtisch fast nicht mehr reinpasste. Doch der geht natürlich immer. Carmen kann super backen, von ihr haben wir schon einige Sachen gelernt, und somit hatte sie eben diese Torte auch zubereitet. An diesem Sonntag wurden glaube ich sowieso die meisten Torten des Jahres verspeist, denn ich hatte an einem Wochenende noch nie so viele Leute mit einer Tortenbox auf der Straße gesehen. Neben dem Blumenstrauß ist also auch eine Torte als Muttertagsgeschenk Pflicht.
Montags standen die Muttertagsfeiern unserer Kinder in ihren Schulen an. Statt zur Chacra zu gehen, haben wir uns diese Feierlichkeit sowohl in der Escuela als auch in dem Colegio angeschaut. Die Schüler haben dort Gedichte vorgetragen, Theater gespielt, etwas gesungen oder vorgetanzt. Bei der Vorführung in dem Colegio saßen Johanna, Laura und ich zwischen all den anderen Müttern in einem großen Stuhlkreis in der ersten Reihe. Dort wurde man mit Sekt, alkoholfreien Getränken und Keksen versorgt. Dabei ist es leider wieder unangenehm aufgefallen, wie dreist und unhöflich sich viele ländliche Frauen verhalten. Sie nehmen sich so viel sie tragen können, d.h. zum Beispeil bei dieser Verantstaltung drei Fantaflaschen plus zwei Hände voll Kekse. Ich finde soetwas recht erschreckend. Ich kenne auch Einwohner in Quiquijana, die nichts haben und darum kämpfen müssen, jeden Tag etwas zum Essen zu bekommen, doch trotzdem zurückhaltend und höflich sind. Deshalb kann ich diese schlechten Manieren anderer nicht darauf abschieben, dass sie ja ansonsten nichts geschenkt kriegen.
Die Festlichkeit an sich fande ich echt schön, weil man wirklich gemerkt hat, wie die Mütter wertgeschätzt werden. Sie sind hier diejenigen, die die Kinder großziehen und immer für sie da sind. Das wäre soweit natürlich der Idealfall. Manchmal ist mir während jener Tage das Herz vor Bekümmern stehen geblieben, wenn ich daran denken musste, wie schrecklich eine solche Feier für die Kinder der Albergue sein muss, deren Mutter entweder gestorben ist, oder die sie verstoßen hat, oder ähnliches. Zum Beispiel hat mir ein 6 jähriges Mädchen, das ihr Mutter hat sterben sehen müssen bei einem schrecklichen Unfall, eine Karte mit der Aufschrift „Te amo, Mamá“ (Ich liebe dich, Mama) gezeigt. Die Kinder lassen sich ihre Trauer nicht anmerken, es gilt für alle starken Charakter zu zeigen, doch wie gerne würde ich sie doch in solchen Momenten ganz fest in den Arm nehmen.

Die kommende Woche wird die Letzte sein für meine Mitfreiwilligen und inzwischen sehr guten Freunde Johanna, Laura, Franz und Julian. Alles geht nun auf ihren Abschied zu, und ich muss sagen, ich bin sehr traurig, dass sie gehen werden. Da werden wohl einige Tränen fließen.

Bis bald, meine Lieben,
eure Verena

Saturday, May 5, 2012

Das Andendorf Huatha Laguna, Heimat von einigen unsere Kinder
Die Laguna dort mit uns 5
Einfach weil es so süß ist

Friday, April 27, 2012

Geburtstag und Huathualaguna


Am 15. April 2012 feierte unsere Gastoma, Abuela Carmen (Oma Carmen), ihren 80. Geburtstag. Zu diesem Anlass wurden wir unter den ca. 150 anderen Freunden und Verwandten in ein Club Hotel eingeladen. Alle waren festlich gekleidet, passend zu dem Ambiente dort. Neben dem Glas für unalkoholische Getränke, standen schon Champus- und Whiskygläser auf dem Tisch bereit. Die Menükarte versprach nicht zu viel, wie sich herausstellte, als uns nach einigen emotionalen Reden der Kinder und Enkel von Abuela Carmen das Mittagsessen serviert wurde. Nach diesem Festessen wurde gaaanz viel getanzt. Am Wochenende darauf sagte man zu uns „Ihr ward auch die ganze Zeit auf der Tanzfläche, oder?“. Bei dem ganzen Getanze musste man aber auch einfach mittendrin sein. Es wurden jegliche latinische Musikrichtungen gespielt: Cumbia, Salsa, Wayno und so viele von denen ich die Namen leider nicht weiß. Besonders die traditionellen peruanischen Tänze wie Wayno haben ganz viel Spaß gemacht. Nachdem professionelle Tanzgruppen inclusive der Enkel diese live vorgeführt haben, sind alle mit eingestiegen. Ich finde es schade, dass wir soetwas nicht bei uns in Deutschland haben. Denn zu dieser Musik tanzen hier die Leute angefangen bei den Grundschülern bis hin zu den Großmüttern (auch Abuela Carmen war kaum außerhalb der Tanzfläche anzutreffen). Außerdem haben jegliche Peruaner/innen (ich denke man kann es aber auch auf ganz Lateinamerika verallgemeinern) ein super Rhythmusgefühl, so dass auch die Paartänze sehr viel Spaß machen. Unser Gastvater hatte Gefallen daran uns von einer Drehung in die nächste zu führen, und da wir auf dieser Feier als „Gringas“ die Attraktion schlecht hin waren, waren wir sowieso nie lange alleine.
Wir haben die Feier so sehr genossen, dass wir, obwohl sie schon um 13 Uhr angefangen ist, leider den letzten Bus verpasst haben, den wir normalerweise nehmen, um nach Quiquijana zu kommen. Zum Glück sind wir in Lateinamerika, und da kommt man immer noch irgendwie an sein Ziel.
Somit lässt der Taxifahrer uns an einer Kreuzung in einem ärmeren Viertel, außerhalb von dem was uns bekannt ist, aussteigen, weil irgendein Mann an der Busstation, von der wir eigentlich fahren, meinte, dort fahren die Nachtbusse nach Puno lang. Außer dass eine Frau, die dort mit ihrem Wägelchen mit Tee stand, die Aussage unterstütze, gab es keinerlei Anzeichen dafür, dass uns dort ein Bus einsammeln würde (Fahrpläne gibt es hier nichtmal an den Busstation. Man sieht ja, wenn der Bus kommt), zudem war es stockdunkel. Jeder deutsche Neuling in Peru würde wahrscheinlich vor Nervosität durchdrehen. Aber wir setzten uns auf den Bordstein und warteten.
Und siehe da, mit Vertrauen und Geduld, und dann noch mit Freundlichkeit zu dem Busangestellten, dass er doch bitte einen Zwischenstopp in Quiquijana einlegen würde, sind wir tatsächlich noch in unser vertrautes Andendorf gelangt.

Letzte Woche war ein weiteres Highlight, dass wir in die Andendorfgemeinde „Huathualaguna“ gefahren sind. Diese Gemeinde liegt auf 4500 Metern Höhe und einige „unserer“ Kinder sind dort aufgewachsen und wohnen noch immer da. An den Wochenenden müssen sie also immer dort hinauflaufen. Den Weg legen sie zu Fuß zurück, da außer Donnerstag, wenn Markt ist, keine Transportmittel fahren. Somit sind die Kinder jeden Sonntag und Freitag so um die 3 bis 4 Stunden unterwegs bis sie in Quiqujana bzw. Huathualaguna ankommen.
Wir, fünf Freiwillige, Pavela und die Oberoberschwester (hatte ich erwähnt, dass die Chefin des Ordens vier Wochen bei uns zu Besuch war? Sie ist Mittwoch wieder gefahren.) wurden an jenem Tag mit dem Pick up von Hermana Nelly von einem erfahrenen Fahrer hinaufgefahren. Vor uns fuhr der besagte Transporter des Donnerstags. Dabei handelt es sich um einen kleinen Lkw, auf dem die Leuten auf der Ladenfläche mitfahren, zwischen all ihren Marktwaren. Da der Weg von dem Regen am Tag zuvor an manchen Stellen total verschlammt war, ist der Laster einige Male stecken geblieben. Kurz vor dem Ziel mussten letztendlich alle Leute aussteigen und den letzten Rest zu Fuß gehen. Der Laster wurde mit Schaufeln ausgegraben und mit Steinen gesichert, damit er weiterfahren konnte. Die Einwohner sind daran gewöhnt, denn während der Regenzeit ist der Weg viel schlimmer und manchmal sogar gesperrt, so dass die Kinder erst später am Wochenende oder gar nicht zu ihrem Dorf gehen können.
Nachdem ich Huathualaguna gesehen habe, kann ich verstehen, warum für die Kinder Quiquijana schon eine große Stadt ist. Man würde unsers Erachtens nach sagen, in Huathualaguna gäbe es nichts. Es ist eine riesige Grünfläche, wo hier und dort einfache Lehmhäuser stehen, und hinter einem Berg liegt eine große Lagune, die der volle Stolz der Bewohner ist.
Ich habe im Computerunterricht ein Mädchen über ihr Leben in Huathualaguna schreiben lassen, und ihr erster Satz war: „In Huathualaguna gibt es viele Sachen, wichtige Sachen wie Alpacas, Lamas, Schafe, usw.“. Je nach dem wie man aufwächst, sieht man nunmal die Welt. Die Kinder, die aus dieser oder ähnlichen Gegenden neu zu uns in die Albergue kommen, sind noch total „rau“ und müssen sich ersteinmal an das „Stadtleben“ gewöhnen. Es ist kein Wunder, dass sie nicht verstehen, dass man nicht in den kleinen Grünflächen/Gärten der Albergue spielen soll, denn da, wo sie aufwachsen, gibt es so viel Grün, dass es keine Regelungen gibt, wo man spielen darf und wo nicht. Auch kann man sich viel besser auf den Gras raufen als auf dem Beton. „Kämpfen“ gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen der Jungs, denn sonst gibt es auf dem Land ja auch nicht viel zu spielen. Jedes Spielzeug, was die Kinder in der Albergue in die Hand bekommen, ist sowieso nach einem Tag kaputt, weil sie erstens nie beigebracht bekommen haben, wie man damit bespielt, und zweitens haben sie so viel Kraft durch die harte Arbeit, die sie schon von klein auf verrichten, dass sie ohne es zu merken das Spielzeug zerstören. Plastik verhält sich nunmal nicht wie Steine.
Im Moment habe ich viel Kontakt zu Aydee Roxana, einem Mädchen der ersten Klasse, welche erst seit Februar bei uns ist und aus einem Dorf in der Nähe von Huahualaguna lebt (sie muss also auch zwei Mal in der Woche den Fußmarsch zurücklegen). Bei ihr kann ich gut beobachten, wie sie sich entwickelt. Abgesehen davon, dass sie immer mehr Spanisch lernt, und ich durch sie immer mehr Quechua, lernt sie auch die Verhaltensregeln in der Albergue. Letztens, während wir in der Nähe der DVD-Vitrine Hausaufgaben gemacht haben, haben Juvenal und Wilfredo sich eine DVD nach der anderen aus der Vitrine genommen und dessen Hülle angeschaut. Aydee Roxana meinte irgendetwas auf Quechua zu den beiden, und ich frage Wilfredo: „was hat sie gesagt?“, er antwort: „sie meint, wir dürfen die DVDs nicht ohne zu fragen aus dem Schrank nehmen.“ „Ja, genau das wollte ich auch gerade sagen“. Sie ist ein wirklich süßes Mädchen. Sie bringt mich zum Beispiel auch nach den Hausaufgaben immer bis zu der Tür, die zu unserem Aufenthaltsplatz führt. An der Tür verabschiedet sie sich, denn sie weiß, dass die Kinder nicht dorthin dürfen.

Ich habe schon wieder viel zu viel geschrieben... Dabei gibt es eigentlich noch so viel mehr Kleinigkeiten zu erzählen, die nebenbei passieren.
Achja, noch eine Sache, die doch etwas wichtiger ist. Hermana Nancy hat sich eine längere Auszeit genommen und arbeit somit nicht mehr in der Albergue. Dafür begrüßen wir dieses Wochenende eine andere Schwester, die aus Columbien angereist komm,t und eine weitere Freiwillige aus Deutschland, namens Anne. Anne ist 23, hat gerade ihren Bachlor beendet und möchte bevor sie mit ihrem Master durchstartet, Zeit in Lateinamerika verbringen, unter anderem natürlich als Entwicklungshelferin. Sie wird während Laura, Johanna, Franz und Julian schon ab dem 26. Mai das Projekt verlassen, mich bis zu dem 22. Juni unterstützen.

Liebste Grüße,
Verena

Saturday, April 14, 2012

Ostern

Letzte Woche wurde auch hier in Peru Ostern gefeiert. Eher gesagt, hier ist die ganze Woche von Palmensonntag bis zum Osterfest heilig („La Semana Santa“). Somit hatten die Kinder in der Woche kaum Hausaufgaben auf, und schon ab Donnerstag schulfrei, warum also am Mittwochnachmittag schon nur noch die ca. 20 „Waisenkinder“ dort waren. Wir haben dann mit den wenigen Kindern ein europäisches Ostern gefeiert, d.h. wir haben Schokolade und Bonbons versteckt, die die Kinder suchen mussten. Diese Tradition kennen sie sonst nicht. Erst waren sie ja recht skeptisch, doch als sie dann rausgefunden haben, dass es darum geht viel Süßkram zu erhaschen, waren sie super motiviert. Sie haben uns fast die Tür eingetreten, als wir sie für kurze Zeit aus den Innenhof der Albergue geschickt haben, um alles zu verstecken. Kaum war die Tür geöffnet, stürmten sie los wie Verrückte. So schnell habe ich noch nie alles radikal verschwinden sehen. Obwohl wir Teams von drei Personen (alt, mittel, jung) gebildet hatten, hatten besonders einige Jungs viel mehr gesammelt. Es wurde jedoch alles gerecht aufgeteilt, und alle waren zufrieden. Am Tag danach wurde gleich gefragt: „Spielen wir das Spiel nochmal?“ – „Nein, das spielt man nur einmal im Jahr.“ – „Och man“. Da müssen sie wohl die nächsten Freiwilligen von überzeugen. Für den Donnerstag darauf hatten wir aber andere Spiele geplant. Wir hatten aufgrund der Feiertage ab dann eigentlich schon frei, doch Laura, Johanna und ich wollte die Chance nutzen, neue Spiele auszuprobieren, was man nämlich nicht mit 80 Kindern machen kann. Es war zusätzlich eine gute Entscheidung noch länger in der Albergue zu bleiben, weil die Schwestern uns zu einem festlichen Essen mit ihnen und den beiden Priestern des Dorfes eingeladen haben. Es gab Lasagne (auch für die Kinder wurden etliche Formen gemacht),  vorweg natürlich Suppe, dazu Brot und außerdem Wein und Bier. Normalerweise ist es hier außerdem Tradition, dass man „12 platos“ (12 Gerichte) isst. Damit bezieht man sich auf das Abendmahl mit den 12 Aposteln.
Donnerstagabend kamen wir in Cusco an, und das Wochenende lief recht ruhig ab, da schließlich so ziemlich alle Peruaner die Zeit mit ihrer Familie verbrachten. Johanna, Laura und ich haben die Zeit genutzt, um noch einmal zu dem Cristo Blanco (die weiße Christus Statue) hinaufzusteigen, der Cusco überwacht, und von wo aus man einen super schönen Ausblick über die Stadt umgeben von Bergen hat.
Ich hatte ehrlich gesagt nicht so wirklich das Gefühl als sei Ostern, weil es für mich vor allem bedeutet Zeit mit der Familie zu verbringen. Ich habe jedoch Samstagabend/nacht/morgen Zeit mit meiner Gastschwester verbracht, die wegen der Ostertage und weil ihre Großmutter am 15. April ihren 80. Geburtstag feiert (auch Laura, Johanna und ich werden dabei sein), schon nach Cusco gekommen war. Dann hat also wenigstens nicht die Osterfeier gefehlt, die für mich normalerweise samstags vor Ostern in der Wunderbar stattfindet. Das Inka Team passt dafür auch.

In der Woche vor Ostern bin ich außerdem umgezogen, unzwar von dem Schwesternhaus in das Zimmer direkt beim Mädchenschlafsaal. Bis jetzt hatte ich echt Glück, was Wasser und Strom angeht. Ich meine, die Dusche ist so ziemlich immer kalt, doch ich bin ja schon froh, wenn überhaupt Wasser fließt (die Woche vor meinem Einzug sah das anders aus). Außerdem konnte ich mich schon daran gewöhnen mit Ohropax zu schlafen, so dass mich das „CORRAN!“ (dt: LAUFT!) und das darauffolgende Klatschen von nackten Kinderfüßchen auf den Fliesenboden nicht mehr um 5:50 Uhr aufweckt. Da der Wassertank nämlich über den Tag mit Solarenergie aufgewärmt wird, gibt es jeden Morgen einen Kampf um eine warme Dusche. Sobald der Tank leer ist, duscht der nächste kalt.

Die jetztige Woche war ansonsten nicht sonderlich ereignisreich. Doch obwohl die Kinder erst ab Mittwoch wieder Schule hatten, war irgendwie immer viel zu tun. Johanna, Julian und ich haben uns seit drei Wochen vorgenommen Salsa zu üben, und doch hatten wir bis jetzt keine halbe Stunde frei dafür (Ja, ich nehme im Moment an einem Salsakurs teil. Und es macht richtig Spaß!). Zum Beispiel hat unsere Oberschwester Nelly dieses Wochenende einen Englischtest, weshalb ich ihr an den Nachmittagen Englischnachhilfe gegeben habe. Außerdem helfe ich oft zusätzlich zu der Hausaufgabenbetreuung mit den Kleinen noch bei Mathe- und Physikaufgaben der Ältesten aus. Das ist schon recht anstrengend. Doch es freut mich natürlich auch immer, wenn meine Hilfe erwünscht wird, und besonders mit den Secundariern habe ich sonst außerhalb des Computer- und Englischkurses nicht viel zu tun.

Zu der vormittäglichen Chacraarbeit gibt es nur zu sagen, dass wir Montag und Dienstag Unterstützung von den Kindern der Albergue hatten, und Mittwoch endlich unseren ersten Mais geerntet haben. Der ist unglaublich köstig! Nichts im Vergleich zu dem Mais in Deutschland.

Bis bald,
eure Verena